Psychiatrie in Gegenwart und Vergangenheit

VORTRAG von Christian Kaiser im Jahre 2011 zum Thema Gedenken an die Euthanasieopfer der NS-Zeit:

Ich hielt diesen Vortrag in Ueckermünde im Greifengymnasium vor Schülern der 10. und 11. Klasse:

Hallo, ich bin Christian Kaiser und hatte schon einige persönliche Erfahrungen mit der Psychiatrie, leider. Kein medizinisches Fachgebiet ist so vielen Irrtümern erlegen wie dieses. Die „Aktion T4“, von der ihr heute gehört habt, zählt für mich zu den größten und schrecklichsten Fehlern.

Aber die Eugenik existiert schon viel länger und wurde bereits seit 1883 angewandt. Im Nationalismus wurden Menschen mit seelischen Krankheiten, geistig und körperlich behinderte Menschen dann sterilisiert, verhungern gelassen und vergast oder anders hingerichtet. Die Nationalsozialistische Rassenhygiene diente zur Rechtfertigung von Massenmorden an als „lebensunwert“ definierten Menschen und zu grausamen Menschenversuchen in verschiedenen Konzentrationslagern.

Heute ist all das Vergangenheit. Aber an vielen Vorurteilen gegenüber Menschen mit seelischen Problemen hat sich nicht viel geändert und das liegt zum Teil daran, dass sie früher einfach weggesperrt wurden. Verweildauer in „Irrenanstalten“ waren damals oft mehrere Jahre bis lebenslang. Heute ist die Durchschnittsverweildauer in Nervenklinken acht Wochen.Menschen mit psychischen Problemen leiden sehr unter den Vorurteilen der „Normalos“. Man nennt das auch Stigma oder zweite Krankheit. Eigentlich ist dies ja zum größten Teil das Problem, der Menschen, die sich für normal halten, denn das Stigma beruht auf der Angst vor dem der anders ist. Nicht nur die Angst spielt eine große Rolle, denn sie wird von Halbwissen und schlechtweg falschen Annahmen geschürt.

Ich möchte mal mit einigen dieser Vorurteile aufräumen, stellvertretend für die große Anteil der seelisch Gehandicapten von 10-15 % an der Bevölkerung:

  • Depressive sind nicht faul, sondern antriebslos, nicht mal unbedingt traurig
  • Schizophrenie ist keine gespaltene Persönlichkeit, sondern ist durch Störungen des Denkens, der Wahrnehmung und der Gefühlswelt gekennzeichnet
  • psychische Erkrankungen sind nicht selten, sondern man kann sie als Volkskrankheit bezeichnen
  • psychotische Menschen sind im Durchschnitt nicht gewalttätiger als die Gesunden
  • ein psychisches Handicap ist keine geistige Behinderung, es kann jeden treffen

Deshalb solltet ihr „Normalos“ mit uns ganz normal umgehen. Die Horrorbilder einer Psychiatrie, die ihr vielleicht aus Film und Fernsehen kennt, stimmen nur bedingt. Allerdings ist es in einer geschlossenen Station trotzdem ganz und gar nicht lustig.

Es gibt hier in Deutschland zwar keine Zwangsjacken, stattdessen gibt es Fixierung an den Betten, das finde ich persönlich sogar noch schlimmer, weil man dann nicht um herlaufen und es zu traumatischen Erlebnissen führen kann.

Es ist auch bestimmt für das Personal, das sich nicht anders zu helfen weiß, eine schmerzliche Erfahrung. Doch es werden in einigen Kliniken auch Menschen angeschnallt, die für sich und andere keine Gefahr sind und diese Anzahl an Personen ist hoch. Ich habe schon erlebt, dass alte, gebrechliche oder mit Medikamenten vollgepumpte Menschen, angeschnallt wurden, da sie vom Bett fallen könnten, wobei eine offene Station manchmal wie Urlaub ist.

In einer offenen Station kann man sich frei bewegen und heutzutage sind die meisten Stationen offen.

Doch nicht nur in den Kliniken, sondern auch später, wenn die Betroffenen entlassen sind, haben sie zu kämpfen, da meiner Meinung nach eine richtige Integration noch nicht ganz geschafft wurde. Oft arbeiten von seelischen Problemen Betroffene in Werkstätten und verpacken Ballons oder schnitzen Holzmännchen, zusammen mit geistig behinderten Menschen. Es fehlt der Kontakt zu den gesunden Menschen, das stört mich. Auch in den Wohngruppen sind die Betroffenen unter sich.

Es gibt viele Menschen, für die das Konzept der psychiatrischen Hilfen nicht ausreicht. Das sind vor allem junge Menschen. Menschen wie ich, im jungen Erwachsenenalter, haben in den seltensten Fällen einen Job. Ich kenne es, ich renne von Maßnahme zu Maßnahme, mache Praktika und finde trotzdem keinen Job, oder gerade deshalb, denn wenn die Firmen Praktikanten haben, brauchen sie ja nicht zahlen, andererseits geht man gerade dann, wenn man sich eingearbeitet hat.

Ein anderes Beispiel: Für die Kinder psychisch kranker Eltern, gibt es oft noch wenig Hilfen. Die Hilfe kommt dann wie so oft erst, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist und selbst erkrankt. Und dann haben die Psychiater wieder was für ihre Statistiken, denn heute wie damals gilt die Annahme, dass viele psychische Krankheiten erblich sind. Ich hingegen glaube, dass die Ärzte viel mehr, die Ursachen, und die sind seelisches Leid, bekämpfen sollten, anstatt nur Medikamente zu verabreichen, also die Symptome zu bekämpfen. Oft ist eine Tablette schneller gegeben als ein heilsames Wort geschenkt ist.

Ich glaube ganz fest, dass wir, wenn wir den anderen so akzeptieren wie er ist, also mit all seinen Macken, eine bessere und gerechtere Welt aufbauen können.

Und das glaube ich auch heute noch. Jeder hat die Möglichkeit sich zum positiven zu verändern!

Euer Christian Kaiser!

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