Schrecken der Nazi-Zeit hallen nach

Von Stefanie Peters Nordkurier-Ueckermünde am 30.04.2011

…“Zur Nazizeit wäre ich mit Sicherheit umgebracht worden.“ Diese Worte von Christian Kaiser vom Verband der Psychiatrieerfahrenen machten vielen Schülern des Ueckermünder Greifen-Gymnasiums erst richtig klar, worüber sie den ganzen Donnerstag Vorträge gehört und Diskussionen geführt hatten. Der 29-jährige Rostocker ist seit seinem 14. Lebensjahr manisch-depressiv und wäre mit dieser Krankheit Opfer von Adolf Hitlers Euthanasieprogramm geworden, das eine Verunreinigung und Belastung der arischen Rasse verhindern sollte.

Mit einem Projekttag zum Thema „Euthanasie und Eugenik“ sollte den Schüler der zehnten und elften Klassen Gelegenheit gegeben werden, über den Unterricht hinaus wissenswerte Informationen von Fachleuten zu erhalten. Dazu hatten Ursula Falk, Vorsitzende des Behindertenbeirates Uecker-Randow, und Geschichtslehrer Torsten Beilke ein sehr anspruchsvolles aber auch interessantes Programm zusammengestellt. Der Tag begann mit dem NS-Propagandafilm „Ich klage an!“ „Dies ist ein Auftragswerk Adolf Hitlers, um die Deutschen auf die geplanten Euthanasiegesetze vorzubereiten,“ so der Geschichtslehrer über die Entstehung des Films von 1941, der heute nur für öffentliche Veranstaltungen freigegeben ist. Mit Hilfe des scheinbar sehr persönlichen Schicksals der an multipler Sklerose erkrankten Hanna Heyt, die ihren Mann bittet, sie zu töten, manipulierten die Macher das Publikum sehr geschickt. Nur unterschwellig verwiesen sie auf die Notwendigkeit des Staates, über unwertes Leben entscheiden und diesem ein Ende setzen zu können und machten die Menschen glauben, das dies der richtige Weg sei. „Eine sehr perfide Taktik,“ so Erwin Walraph, die offensichtlich auch bei einigen Schülern gewirkt hat, denn sie haben lediglich den Aspekt der Sterbehilfe als Thema nicht aber die Propaganda erkannt. Lisa Klußmann bringt die Eindrücke auf den Punkt: „Dieser Film ist manipulativ. Man denkt, Behinderte wollen generell so nicht leben.“

In ihren Vorträgen wiesen sowohl Wolfgang Kliewe, Leitender Chefarzt der Psychiatrie und Psychotherapie in Ueckermünde als auch Dr. Erwin Walraph, Organisator einer Ausstellung, die Schüler immer wieder darauf hin, was aus dem Begriff Euthanasie – Guter Tod – gemacht worden ist: mehr als 150000 tote Behinderte, Blinde, Taube, Alkoholiker, Epileptiker und psychisch Kranke. Insbesondere die Wortwahl der dargestellten Ärzte, Psychologen und Philosophen zur Notwendigkeit der Tötung erschreckte die Schüler. „Worte wie Rassenhygiene, Menschen züchten und Freigabe der Vernichtung unwerten Lebens sind menschenverachtend,“ so Marty Hackbusch. Im zweiten Teil des Projekttages spannte Erwin Walraph den Bogen von der Antike bis zur Gegenwart und zeigte den Schülern an zahlreichen Beispielen, wie die verschiedensten Völker und Staaten Leben auch heute noch bewusst beenden, sei es das von Mädchen, Schwachen oder Kranken, wenn sie für die Gesellschaft keinen Nutzen haben. Besonderes Interesse zeigten die Schüler am Ende des Projekttages für Christian Kaiser. Der manisch-depressive Rostocker erzählte den Schülern bereitwillig über seine Krankheit und deren Folgen für den Körper aber auch sein gesellschaftliches Leben. „Weil ich genau in die Vorstellung der Nazis von unwertem Leben passe, habe ich mich entschlossen, Schülern über mein Schicksal zu berichten, mit Vorurteilen aufzuräumen und insbesondere Jugendliche für das Thema Euthanasie zu sensibilisieren.“

http://www.links-lang.de/presse/11031.php

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